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Island: Hilmir Högnason - ein Leben an der Klippe
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Text: Siglinde Fischer
Fotos: Walter Steinberg


Zu Besuch beim Autor von "Litla Lundi" - "Der kleine Papageitaucher"
Unsere Island Film- und Foto Dokumentation auf DVD und Blue-ray gibt es im Shop

Eigentlich wollen wir nur vor dem Regen fliehen - deshalb zieht es uns am 23. August 2012 in das kleine Aquarium auf Heimaey - der einzig dauerhaft bewohnten Insel der Westmänner(inseln).
An der Kasse dort steht ein einarmiger Mann, etwa unser Alter, und befreit gerade einen Stapel Bücher vom Einpackplastik. "Das ist heute erst rausgekommen!" teilt er uns mit Stolz und Freude mit, als wir ihm beim Wurschteln auf die Finger gucken. Örn hat allen Grund, stolz zu sein, denn der Autor des Kinderbuchs "Litla Lundi" ist sein Vater Hilmir. Wir kommen mit Örn - dessen Name sich viel schwerer* ausspricht, als man denkt - ins Gespräch. Ob wir mit seinem Vater wohl ein Interview führen dürften? Sofort telefoniert er - und wir sind noch am selben Nachmittag mit Hilmir und der ganzen Familie verabredet.

Bald sitzen wir an einem Tisch; Walter steht hinter der Kamera; Hilmirs Enkel sitzt als Übersetzer neben mir. Hinter Hilmir stapeln sich an der Wand Kartons voller Bücher. Ich frage Hilmir, wie er aufgewachsen ist. Er spricht mit Bedacht, sein bleiches Gesicht zeigt manchmal über dutzende Sekunden kaum eine Regung, doch dann ist es wieder da, ein bubenhaftes Lächeln, Augenbrauen heben und senken sich. Hilmir erzählt von seinem Elternhaus, einem Bauernhof auf Heimaey. Von seinem Leben auf der Insel, die er nur wegen des Vulkanausbruchs 1973 für zwei Jahre verlassen mußte. Er erzählt von waghalsigen Klettereien in den Steilküsten, um Eier der Lummen und Alken zu sammeln. "Manchmal hatten wir an die 70, 80 Eier in der Jacke. Da mußten wir beim Hochklettern ganz schön vorsichtig sein. Wir wollten die Eier ja verkaufen." schmunzelt er.
Meeresvögel und Menschen verbindet auf den Westmännern schon seit Besiedlungsbeginn eine seltsame Beziehung: Die Menschen sammeln die Eier und fangen im Spätsommer die erwachsenen Papageitaucher, um das eintönige Nahrungsangebot der Insel temporär zu erweitern. Gleichzeitig helfen sie jungen Papageitauchern, die sich beim nächtlichen Jungfernflug in die Stadt Vestmannaeyjum verirrt haben: Kinder laufen Ende August mit Pappkartons durch die Straßen und sammeln die Vögelchen ein, um sie am nächsten Tag am Meer freizulassen. Auch in Hilmirs Familie wurden kleine Papageitaucher gerettet, große gefangen und gegessen.
Hilmir erzählt, wie die Papageitaucherfänger manchmal an die 150 Vögel auf einmal von den Klippen nach Hause trugen - das ist ein Gewicht von über 70 Kilogramm! Wer die steil aufragenden Fels-klippen des Heimaklettur und Ystiklettur auf Heimaey kennt kann sich vorstellen, was das an Trittsicherheit und Kraft erfordert.

Hilmir's Frau Alda stammt ebenfalls von der Insel. Weit gereist sind die beiden nie: Ihre Hochzeitsreise führte sie nach Suðurey - einem schroff aufragenden Inselchen der Westmänner, etwa acht Kilometer von der Hauptinsel entfernt. Das Flitterwochenfoto erinnert mich an ein ähnliches Bild meiner Eltern.
Während Hilmir als Elektriker am Krankenhaus von Vestmannaeyjum beschäftigt war, hat Alda das Haus und die acht Kinder in Schuß und auf Trab gehalten. Und sie hat viel gemalt. Im gesamten Haus der Familie hängen ihre Ölbilder; meist Landschaftsmotive der Westmänner und des Festlands. "Gemalt habe ich nachts, wenn die Kinder schliefen", erzählt die 85jährige. "Ach?" kommt die Frage aus den eigenen Reihen, "und wo kamen die Kinder her?" Alles lacht rund um den Wohnzimmertisch. Und futtert Kleinur, isländische Schlupfkrapfen. Der Kaffee fließt literweise.

Ich will wissen, warum er ein Buch für Kinder gemacht hat. "Das ist ganz einfach", antwortet Hilmir: "Kinder hören noch zu. Die Erwachsenen hören nicht mehr zu. Die wissen alles besser." Überraschend und entwaffnend, diese Antwort.

Vier Tage nach dem Interview hat Hilmir einen doppelt großen Tag: Seinen 89. Geburtstag und die erste öffentliche Präsentation des "Litla Lundi" in der Eymundsson-Buchhandlung von Vestmannaeyjum. Tage darauf steht das Buch in der Bestsellerliste schon auf Platz drei. Kein Wunder, denn es ist eine rundum gelungene Geschichte mit viel Liebe zum Detail. Und nicht nur für Kinder ein Guck- und Lesevergnügen. Das Buch ist gleich in vier Sprachen erschienen: Isländisch, Dänisch, Englisch und Deutsch. Die Isländer wagen was! - Liebevoll illustriert hat den "Litla Lundi" Gunnar Júlíusson, ein Freund der Familie. Er arbeitet heute in Reykjavik als Zeichner.
Wenn Sie also für Ihre Nichten, Enkel, oder auch für sich selbst ein kleines Stückchen echtes Island haben möchten, schauen sie sich auf Island
in einem der Eymundsson-Läden nach "Der kleine Papageitaucher" um. Dauert zu lange? Dann wäre diese Seite was für Sie: www.eymundsson.is. Oder schicken Sie einfach Örn eine Email, mit schönem Gruß von uns:

* Sprechen Sie ein "Ö" und machen anschließend ein Geräusch, wie wenn Sie gewaltig die Nase hochziehen. Dann haben Sie's in etwa.